Fast alle, die ich hier in Pfitsch kenne und die Geld haben, haben es nicht durch ihre Arbeit. Sie haben es geerbt, bekommen, oder hatten zumindest Rückenwind von zu Hause. Das ist keine Anklage. Es ist einfach, was ich sehe.
Es heißt auch nicht, dass diese Leute nicht arbeiten. Die meisten tun es. Nur hat die Arbeit im Verhältnis kaum Gewicht. Was schon da ist, wiegt schwerer als das, was man sich abrackert.
Bronze, kein Gold
Bei mir sehe ich das am deutlichsten. Den Hof habe ich im Dezember 1999 übernommen, geboren bin ich 1978. Kein goldener Löffel — aber Bronze oder Silber war es schon.
Mein Vater hat hart gearbeitet, das muss man sagen. Ich selber war nie gern im Stall. Allein vielleicht, ja. Aber wir haben gut gewirtschaftet, der Hof hat getragen.
Das mit dem Vererben ist übrigens gar nicht so alt. Die früheren Generationen haben weniger daran gedacht, den Kindern etwas zu hinterlassen. Das Sparen für die Nachkommen ist eher etwas von später. Falsch ist daran nichts. Für mich hat es nur keine Bedeutung — dazu komme ich noch.
Dass Arbeit gegen geerbtes Kapital an Wert verliert, ist keine Bauernweisheit, sondern halbwegs gut vermessen. In Deutschland stammen je nach Schätzung rund 30 bis 50 Prozent des privaten Vermögens aus Erbschaften und Schenkungen, nicht aus eigener Arbeit. In Italien sieht es ähnlich aus. Der Ökonom Thomas Piketty hat es auf eine einfache Formel gebracht: Solange Kapital schneller wächst als die Löhne, holt der, der nur arbeitet, den, der schon hat, nie ein.
Der Hof als Pfand
Wenn man so einen Hof hat, hat man meistens auch Möglichkeiten. Man kann ihn beleihen, als Pfand für etwas anderes hernehmen. Das geht — bei einem geschlossenen Hof aber mit einem Haken.
Der geschlossene Hof ist unteilbar. Man kann nicht eine Wiese verpfänden und den Rest in Ruhe lassen. Die Hypothek liegt auf dem Ganzen. Geht es schief, steht nicht ein Stück zur Versteigerung, sondern der ganze Betrieb. Was Generationen am Stück gehalten haben, geht dann auch am Stück weg.
Meine Rechnung
Lange ging das gut. Wirklich Geld ausgegeben habe ich erst, seit ich die Photovoltaik-Anlagen habe. Da ist mehr hinaus- als hereingegangen.
Felder habe ich verkauft. Teils für Investitionen, teils einfach für Konsum. Ich müsste mich irgendwann hinsetzen und zusammenrechnen, wie viel es war. Manchmal stört mich das, manchmal nicht. Rational betrachtet ist es kein Weltuntergang.
Der Grund, warum es mich meistens nicht stört, ist simpel: Ich habe keine Nachkommen. Ich sehe für mich keinen Grund zu sparen — jedenfalls nicht, um etwas zu hinterlassen.
Ein paar Groschen auf der Seite sind nicht schlecht, das schon. Aber ich habe ja den geschlossenen Hof, die Photovoltaik, und bis jetzt die Softwareentwicklung — von der ich allerdings glaube, dass sie, so wie es mit der KI weitergeht, bald vorbei sein könnte. Aber das ist ein anderes Thema.
Mein Vater ist in seinen Achtzigern, der braucht nichts mehr — und hat, ehrlich gesagt, nie viel gebraucht. Meine Schwester verdient ähnlich wie ich. Es ist niemand da, für den ich horten müsste.
Das letzte Hemd hat keine Taschen, sagt man. Im Englischen: you can't take it with you. Wenn ich tot bin, kann ich es ohnehin nicht mitnehmen. Was man gehabt hat, hat man gehabt.
Hier und Jetzt — oder Ende gut, alles gut?
Bei uns heißt es oft: Ende gut, alles gut. Das passt eigentlich schlecht zu „lebe im Hier und Jetzt". Das eine schaut aufs Ergebnis am Schluss, das andere auf den Moment. Ich kriege die beiden nicht ganz zusammen, und ich versuche es auch nicht mehr besonders.
Ich dachte lange, Warren Buffett habe nicht viel von verschobenem Genuss gehalten. Beim Nachschauen ist es differenzierter. Mit dem Geld ist Buffett das genaue Gegenteil: sparen, reinvestieren, Zinseszins, seit 1958 im selben Haus, vier Dollar fürs Frühstück. Geduld in Reinkultur.
Beim Leben aber hat er tatsächlich das Andere gepredigt. Einen ungeliebten Job nur für den Lebenslauf anzunehmen und das Eigentliche auf später zu verschieben, verglich er damit, sich den Sex fürs Alter aufzuheben. Mach jetzt, was du gern machst. Insofern hatte ich nicht ganz unrecht — nur eben in der Hälfte.
Heinrich Böll hat das 1963 in seiner „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral" auf den Punkt gebracht. Ein Tourist erklärt einem dösenden Fischer, wie er sich hocharbeiten könnte — mehr Boote, eine Fabrik, ein Restaurant —, bis er irgendwann gemütlich im Hafen sitzen und aufs Meer schauen könne. Der Fischer sagt: Das tue ich ja schon jetzt.
Wer eine Idee hat, aber nichts in der Hand
Womit ich beim eigentlich Unfairen wäre — wenn ich denn etwas unfair finden wollte. Viele hätten gute Ideen. Sie haben nur keine Möglichkeit, sie umzusetzen. Eine Bank kann nicht auf nichts aufbauen. Ohne Sicherheit kein Kredit.
Genau hier ist der Hof, den ich vorhin als Risiko beschrieben habe, eben auch ein Vorteil. Er ist die Sicherheit, die der andere nicht hat. Wer mit leeren Händen kommt, kommt bei der Bank nicht weit, egal wie gut die Idee ist.
Es gibt ein paar Auswege. Bürgschaftsgenossenschaften zum Beispiel — die springen mit ihrer Garantie ein, wenn die eigene Sicherheit fehlt. Bei uns in Südtirol gibt es sie tatsächlich, Garfidi und Confidi Südtirol; landwirtschaftliche Kredite verbürgen sie teils bis zu hundert Prozent. Überall gibt es das nicht.
Und dann Crowdfunding statt Bank. Oft die bessere Idee, ehrlich. Die Frage ist nur, wie viel zusammenkommt. Für ein Dorfgasthaus, das den Leuten am Herzen liegt, sind schon mal ein paar hunderttausend drin — ein Dorf in Vorarlberg hat eine halbe Million fürs Wirtshaus gesammelt, eines in Niedersachsen gut zweihunderttausend. Für ein normales Restaurant, das niemandem emotional fehlt, scheitern dagegen drei von vier Kampagnen. Den großen Brocken trägt am Ende doch wieder die Bank.
Eine Moral hat das alles nicht, und ich will auch keine daraus machen. Es ist eine Feststellung, mehr nicht. So ist es, so sehe ich es. Wer etwas daraus ableiten will, soll. Ich schreibe das ohnehin hauptsächlich für mich — was man auch daran sieht, dass diesen Blog praktisch kein Mensch liest.
Quellen
- DIW Berlin, Wochenbericht 5/2021: Hälfte aller Erbschaften und Schenkungen geht an die reichsten zehn Prozent — diw.de
- Bönke, Corneo & Westermeier (2016): Erbschaft und Eigenleistung im Vermögen der Deutschen — FU Berlin (PDF)
- Piketty & Zucman (2015): Wealth and Inheritance in the Long Run — gabriel-zucman.eu (PDF)
- Acciari et al. / Banca d'Italia: The growing concentration of wealth in Italy — cepr.org
- Höfegesetz, Landesgesetz vom 28. November 2001, Nr. 17 — LexBrowser, Autonome Provinz Bozen
- Der geschlossene Hof — Abteilung Landwirtschaft, Autonome Provinz Bozen
- Garfidi — Garantiegenossenschaft Südtirol — garfidi.it · Confidi Südtirol — confidi.bz.it
- Dorf sammelt 200.000 Euro um Wirtshaus zu retten — HOGAPAGE · Meiningen sammelt 500.000 Euro fürs Dorfgasthaus — VOL.AT
- Success Factors in Restaurant Crowdfunding — UCF Rosen Research Review
- Buffett, „saving up sex for your old age" — Inc. · Zinseszins/Compounding — CNBC
- Heinrich Böll, Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral (1963) — Wikipedia
- You can't take it with you (Redewendung) — phrases.org.uk