Vier Kilometer unter dem Eis

Scrollen

Wenn man über die Antarktis fliegt, sieht man nichts. Keine Vögel, keine Pflanzen, nur Weiß. Ein Kontinent, der wie tot wirkt. Und genau das ist die Lüge.

1970 begann ein sowjetisches Forschungsteam, mitten in dieser leeren Fläche zu bohren. Sie wollten wissen, was unter dem Eis liegt. Sie bohrten ein Jahr. Sie bohrten zehn Jahre. Sie bohrten achtundzwanzig Jahre lang, fast viertausend Meter tief, und dann stoppten sie abrupt. Nicht weil sie das Ende erreicht hatten. Sondern weil unter ihrem Bohrer plötzlich etwas auftauchte, was eigentlich nicht existieren dürfte: flüssiges Wasser. Ein See, etwa so groß wie der Lake Ontario, isoliert vom Rest der Welt seit fünfzehn Millionen Jahren. Lake Vostok.

Wie überhaupt? Zwei Dinge halten das Wasser flüssig. Erstens wirkt das Eis als gigantische Thermodecke und hält die Wärme aus dem Erdinneren fest. Zweitens herrscht da unten etwa das 350-fache des Drucks an der Meeresoberfläche, und unter solchem Druck bleibt Wasser auch unter Null Grad flüssig. Physik. Keine Magie.

Aber Vostok ist nicht der einzige. Als Wissenschaftler nach mehr dieser Seen suchten, mit Radar aus Flugzeugen, mit Lasern aus Satelliten, fanden sie Hunderte. Eine ganze Welt unter dem Eis. Eine Bergkette, die mit den Alpen mithalten kann. Ein Graben tiefer als der Grand Canyon. Ein Krater von einem Einschlag, den niemand kannte. Und zwischen den Seen: Flüsse. Ein komplettes Wassersystem, das ganze Teile der Eisdecke um zehn Meter anhebt und senkt, je nachdem, wo das Wasser gerade hinfließt.

Und dann kam die eigentliche Frage. Wenn da unten Wasser ist, und das seit fünfzehn Millionen Jahren — lebt da etwas?

Die Russen versuchten es zuerst. Sie schmolzen sich mit einem beheizten Bohrer durch die letzte Schicht und brachen 2012 in Vostok ein. Das Seewasser schoss 363 Meter den Bohrschacht hoch und drückte die Bohrflüssigkeit, hauptsächlich Kerosin, nach oben. Sie ließen die Probe einfrieren, zogen sie hoch, fanden eine neue Bakterienart. Nur dass diese Bakterien verdächtig ähnlich aussahen wie die Bakterien, die ohnehin im Kerosin lebten. Die internationale Community blieb skeptisch — die Probe war zu offensichtlich kontaminiert, um als Beleg für Vostok-Leben zu gelten.

Die Briten versuchten es 2012 am Lake Ellsworth, mit einer saubereren Methode: heißes, UV-bestrahltes Wasser statt Kerosin. Sie kamen nicht durch. Treibstoff alle.

Die Amerikaner kamen 2013 am Lake Whillans durch. Und in der Probe, die sie heraufzogen, war etwas. Nicht etwas. Sehr viel etwas. Ein komplettes Ökosystem aus Bakterienkolonien und Mikroorganismen, das ohne Sonnenlicht, ohne Pflanzen, ohne klassische Nahrungskette funktioniert. 2018 wiederholten sie es, diesmal mit Sediment-Proben. Die Analysen laufen noch. Erste Ergebnisse deuten auf Lebensformen, die so anderswo auf der Erde nicht vorkommen. Darunter neue Viren, die nur Bakterien befallen.

Das Interessante an diesem Fund ist nicht der Schock, dass da Leben ist. Mikrobiologen rechnen schon lange damit, dass Bakterien überall sind. Das Interessante ist, was die Existenz dieses Lebens über das Leben selbst aussagt.

Erstens: Was wir „lebensfeindlich" nennen, ist meistens nur „uns-feindlich". Die habitable Zone eines Planeten — der schmale Streifen, in dem Leben möglich sei — ist offenbar deutlich breiter, als wir lange dachten. Wenn Bakterien unter vier Kilometern Eis bei minus zig Grad und 350-fachem Druck nicht nur überleben, sondern blühende Kolonien bilden, dann verschiebt das die Frage. Es geht nicht mehr darum, wo Leben sein kann. Es geht darum, wo es nicht sein kann.

Zweitens: Diese Organismen waren fünfzehn Millionen Jahre vom Rest der Biosphäre abgeschnitten. Das ist ein gigantischer Evolutionszeitraum, geführt unter völlig anderen Bedingungen als der Rest der Welt. Wenn da unten wirklich neue Genstrukturen, neue Stoffwechselwege, neue Virenfamilien gefunden werden, dann ist das, salopp gesagt, ein zweites Experiment der Evolution. Parallel zu allem, was wir kennen. Auf demselben Planeten.

Drittens, und das ist der eigentliche Kicker: Die Antarktis war nicht immer Eis. Vor 50 Millionen Jahren war sie ein Wald. Was unter dem Eis lebt, könnte also älteres Leben sein, das sich dort einfach gehalten hat, während die Welt drumherum vereiste. „Old new life", wie es einer der Forscher nennt. Altes Leben, das uns neu vorkommt. Das könnte ein Fenster in frühere Evolutionsstadien öffnen, an die wir sonst kaum herankommen.

Und genau dieselbe Technik, die nötig war, um die antarktischen Seen sauber anzubohren, ohne sie zu kontaminieren, ist die Technik, die wir brauchen, um Europa oder Enceladus anzubohren — die Eismonde von Jupiter und Saturn, unter deren Eisdecken ebenfalls Ozeane vermutet werden. Wer Vostok knackt, übt für die Suche nach außerirdischem Leben.

Hunderte dieser antarktischen Seen sind noch unberührt. Was da unten wartet, wissen wir nicht. Aber dass es da etwas gibt, wissen wir jetzt.

Quellen