Am 25. Januar 2023 stand Mikaela Shiffrin am Kronplatz im Zielraum, gerade hatte sie den zweiten Riesenslalom in zwei Tagen gewonnen. Weltcupsieg Nummer 84. Die ORF-Reporterin fragte nach dem Stenmark-Rekord, und Shiffrin antwortete: "I'm kind of in an unfortunate time of my monthly cycle." Sie sei deshalb müder als sonst — und es sollte eigentlich normal sein, über so etwas zu reden.
Der ORF-Simultanübersetzer machte daraus: "Ich komme nicht mal zum Radfahren, was ich jedes Monat mache."
Das ist der beste Witz, den dieses Thema je hervorgebracht hat, und er war nicht als Witz gemeint. Ein Profi mit Mikrofon hörte "monthly cycle" und dachte an ein Fahrrad. Nicht weil er schlecht Englisch kann. Sondern weil es ihm offenbar undenkbar erschien, dass eine Athletin im Zielraum über ihre Periode spricht.
Shiffrin postete am nächsten Tag ein Video von sich auf dem Hometrainer, unterlegt mit "Bicycle Race" von Queen: "So nice to get my monthly cycle in… just in case anyone else is confused… it's my period. We're talking about my period. #normalizeperiods"
Das Privatsache-Argument hält keine Minute
Jetzt kommt garantiert jemand mit: Das ist doch Privatsache, muss man nicht breittreten.
Wirklich? Wir reden über Zahnschmerzen. Über Bandscheiben. Über Krebs — sogar sehr ausführlich, und das ist gut so. Wir reden über Darmspiegelungen beim Abendessen. Und wenn jemand zwei Tage mit Durchfall im Bett lag, sagt er "Bauchgrippe" und alle nicken mitfühlend.
Alles Körper. Alles unappetitlich. Alles kein Problem.
Nur bei einer Sache, die die halbe Menschheit rund vierzig Jahre lang jeden Monat betrifft, wird plötzlich die Privatsphäre entdeckt. Das ist kein Anstandsargument. Das ist eine Ausrede.
Woher das kommt — und wer es diesmal nicht war
Meine erste Vermutung war: Kirche. Erbsünde, Sex ist schmutzig, der ganze Quatsch. Die Recherche hat mich an einer Stelle korrigiert, und die Korrektur ist interessanter als meine Vermutung.
Die krassesten Sätze über Menstruationsblut sind nämlich nicht christlich, sondern heidnisch. Plinius der Ältere schreibt im 1. Jahrhundert in seiner Naturalis historia, Menstruationsblut lasse neuen Wein sauer werden, Ernten verdorren, Spiegel trüben, Bienenstöcke sterben, Bronze und Eisen rosten. Das ist Rom, nicht Rom.
Die Reinheitsregeln selbst stehen im Alten Testament: Levitikus 15 erklärt die menstruierende Frau für sieben Tage für unrein, mitsamt allem, worauf sie sitzt.
Und dann kommt die Wendung. Im Jahr 601 fragte Augustinus von Canterbury in Rom nach, wie man es damit halten solle. Papst Gregor der Große antwortete: Frauen dürfen während der Periode in die Kirche und zur Kommunion. Die Überflüssigkeit der Natur könne ihnen nicht als Schuld angerechnet werden.
Der oberste Chef hat das Tabu also abgelehnt. Im selben Atemzug fügte er allerdings hinzu, wer aus Ehrfurcht in dieser Zeit freiwillig auf die Kommunion verzichte, sei zu loben. Und genau dieser Halbsatz war das Einfallstor: keine Schuld, aber besser man lässt es.
Danach ging es prompt in die andere Richtung. Das Bußbuch Theodors von Canterbury verbot menstruierenden Frauen im 7. Jahrhundert den Kirchgang wieder. Noch um 1930 mussten Wöchnerinnen im Rheinland vor ihrer "Aussegnung" während der Messe draußen vor der Kirchentür warten, im Glockenturm oder ganz hinten sitzen, durften erst zur Predigt herein und mussten als Erste wieder gehen.
Das finde ich fast unheimlicher als ein klares Verbot. Ein Verbot kann man abschaffen. Ein "erlaubt, aber lobenswert wär's anders" hält sich tausend Jahre.
Was tatsächlich von der Kirche kommt
Bei der Erbsünde hatte ich allerdings recht — bei Augustinus jedenfalls.
Er hat um 419 in De nuptiis et concupiscentia die fleischliche Begierde zum Übertragungsweg der Erbsünde gemacht: Das Kind zieht sich die Sünde aus der Lust zu, aus der es gezeugt wurde. In De civitate Dei deutet er die sexuelle Erregung als Strafe für den Sündenfall — weil der Mensch Gott nicht gehorchte, gehorchen ihm seither seine Geschlechtsorgane nicht mehr. Daher die Scham. Im Paradies, meint er, hätte man Kinder gezeugt wie man die Hand hebt: willentlich, ohne Lust.
Sex als Übertragungsweg der Sünde — das ist ungefähr das wirkungsvollste Framing der Körperlichkeit, das je jemand formuliert hat, und es hat anderthalb Jahrtausende gehalten.
Fairerweise: Es ist heute nicht mehr die Lehre. Der Katechismus sagt in § 404, die Erbsünde werde "durch Fortpflanzung" weitergegeben — als Weitergabe einer geschwächten Natur, nicht als Ansteckung durch Lust. § 405 nennt sie einen Zustand, keine Tat, und die verbleibende Begierde nur eine Neigung zum Bösen; dass diese Begierde selbst keine Sünde ist, hatte schon das Konzil von Trient 1546 festgehalten. Augustinus steht im Katechismus als historische Station, nicht als gültige Erklärung des Mechanismus.
Und bevor jetzt jemand die alte Geschichte auspackt, die Kirche habe die Geburtsbetäubung verboten, weil Eva laut Genesis unter Schmerzen gebären soll: Medizinhistoriker haben danach gesucht und praktisch nichts gefunden. Kein Dekret, kein Bischofswort, keine päpstliche Verurteilung. Der dokumentierte Widerstand gegen Simpsons Chloroform war überwiegend medizinisch. Pius XII. erklärte 1956 die Schmerzlinderung ausdrücklich für erlaubt. Manche Geschichten sind zu gut, um wahr zu sein.
Schwangerschaft war auch mal unaussprechlich
Ich hatte den Verdacht, dass es der Schwangerschaft früher genauso ging. Der Verdacht stimmt, und die Belege sind besser als erwartet.
1952 durfte in "I Love Lucy" das Wort "pregnant" nicht ausgesprochen werden. Die Serie schrieb Lucille Balls echte Schwangerschaft in die Handlung, aber gesagt wurde "expecting". Die Folge, in der sie es verkündet, heißt bis heute "Lucy Is Enceinte" — man wich ins Französische aus.
Das Verbot kam übrigens nicht von der Kirche, sondern vom Sender CBS und vom Sponsor Philip Morris. Ein Rabbiner, ein katholischer Monsignore und ein protestantischer Geistlicher bekamen die Drehbücher zur Prüfung vorgelegt — und strichen nichts.
Das Publikum hatte damit erkennbar weniger Probleme: Die Geburtsfolge am 19. Januar 1953 sahen rund 44 Millionen Menschen — mehr als am Tag darauf die Amtseinführung von Präsident Eisenhower.
Härter als das Sprachverbot war das Arbeitsrecht. "Marriage bars", also die Entlassung von Frauen bei Heirat, waren bis in die 1970er normal; im britischen Foreign Service fielen sie 1973, in Irland ebenfalls 1973. In Italien wurden die "clausole di nubilato" — Ledigkeitsklauseln im Arbeitsvertrag — erst 1963 verboten; der Mutterschutz von 1950 wurde 1971 grundlegend ausgebaut. In den USA entschied der Supreme Court noch am 7. Dezember 1976, ein Arbeitgeber dürfe Schwangerschaft legal aus dem betrieblichen Krankengeld ausschließen; erst der Pregnancy Discrimination Act von 1978 kippte das.
Und die Schweiz? Bezahlte Mutterschaftsentschädigung gibt es dort seit dem 1. Juli 2005. Der Verfassungsauftrag dafür stammt von 1945.
Es wird besser — nur langsam
Ich glaube tatsächlich, dass es besser wird, und man kann es an Bildern festmachen.
1991 fotografierte Annie Leibovitz die im siebten Monat schwangere Demi Moore nackt für das Cover der Vanity Fair. Kritiker nannten es "grotesk und obszön". 2017 posierte Serena Williams in fast identischer Haltung auf demselben Cover — im selben Jahr, in dem sie die Australian Open gewonnen hatte, ohne einen Satz abzugeben, in der achten Schwangerschaftswoche.
Jacinda Ardern bekam 2018 als Regierungschefin ein Kind und nahm es im September mit zur UN-Vollversammlung. Der US-Senat änderte 2018 einstimmig seine Regeln, damit Tammy Duckworth ihr Baby zur Abstimmung mitbringen konnte. Nike strich 2019 nach öffentlichem Druck die Vertragskürzungen für schwangere Athletinnen. Die DFB-Frauen holten 2023 eine Tamponmarke als Sponsor und nannten die Kampagne #LetsTalkPeriods.
Gleichzeitig drückte Tiger Woods am 16. Februar 2023 — drei Wochen nach Shiffrins Satz — seinem Mitspieler Justin Thomas nach einem kürzeren Abschlag einen Tampon in die Hand. Als Spott. Beides existiert nebeneinander.
Warum das keine Befindlichkeit ist
Es geht bei alldem nicht darum, dass jemand seine Gefühle mitteilen möchte. Schweigen kostet.
Endometriose betrifft laut WHO rund zehn Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter, etwa 190 Millionen weltweit. Die durchschnittliche Zeit bis zur Diagnose: vier bis zwölf Jahre. Bis zu zwölf Jahre für eine Krankheit, deren Hauptsymptom ein Schmerz ist, über den man nicht spricht.
Eine niederländische Studie mit 32.748 Teilnehmerinnen fand, dass der Hauptschaden nicht in Fehltagen liegt, sondern im Arbeiten trotz Beschwerden: 8,9 Tage verlorene Produktivität pro Jahr, gegenüber 1,3 Tagen tatsächlicher Abwesenheit. Man bleibt nicht daheim. Man sagt nur nicht, warum es gerade nicht geht.
Und die Forschung? Eine Untersuchung von 2025 hat nachgezählt, zehn Jahre nach der ersten großen Erhebung dazu: Der Frauenanteil unter den Probanden ist von 39 auf knapp 44 Prozent gestiegen, aber nur 5,6 Prozent der Studien berücksichtigten den Menstruationsstatus überhaupt im Design. Die große Meta-Analyse zur Frage, ob der Zyklus die sportliche Leistung beeinflusst, kommt auf einen trivialen Effekt — und stuft die eigene Evidenzqualität als niedrig ein. Die ehrliche Antwort auf Shiffrins Thema lautet also: Wir wissen es nicht genau. Weil kaum jemand nachgesehen hat.
Bauchgrippe
Das ist für mich der Kern. Ein Tabu, das die höchste Stelle im Jahr 601 ausdrücklich nicht wollte — und das trotzdem 1.400 Jahre gehalten hat, in der Kirche selbst genauso wie außerhalb. Es brauchte dafür kein Gesetz und kein Dekret. Es genügte, dass es sich nicht gehörte.
Und deswegen funktioniert der Vergleich mit der Bauchgrippe so gut. Niemand findet Durchfall angenehm. Trotzdem sagt man es, und keiner zuckt.
Der Unterschied ist nicht der Ekel. Der Unterschied ist die Gewohnheit.
Ein ORF-Reporter hat 2023 in Echtzeit vorgeführt, wie tief die sitzt: Er hörte das Wort und übersetzte es weg. Zwei Wochen später hat er sich bei Shiffrin entschuldigt. Sie sagte, sie sei froh über den Fehler — ohne ihn hätte niemand über das Thema geredet.
Quellen
- NZZ, «So nice to get my monthly cycle in», 27.01.2023: https://www.nzz.ch/panorama/so-nice-to-get-my-monthly-cycle-in-mikaela-shiffrin-nimmt-die-uebersetzungs-panne-eines-orf-mitarbeiter-aufs-korn-ld.1723328
- ORF Ö3, ORF-Reporter entschuldigt sich bei Shiffrin für "Zyklus-Panne", 06.02.2023: https://oe3.orf.at/stories/3030965/
- TIME (Christine Yu), Silencing Period Talk Hurts Athletes, 16.05.2023: https://time.com/6279881/periods-sports-gender-bias/
- Plinius d. Ä., Naturalis historia VII, 64–65: https://en.wikisource.org/wiki/Natural_History_(Rackham,_Jones,_%26_Eichholz)/Book_7
- Beda, Historia ecclesiastica I,27 (Libellus responsionum, Gregor I. an Augustinus von Canterbury, 601): https://www.ccel.org/ccel/bede/history.v.i.xxvi.html
- Wikipedia, Muttersegen (Aussegnung, Praxis im Rheinland um 1930): https://de.wikipedia.org/wiki/Muttersegen
- Augustinus, De nuptiis et concupiscentia: https://www.newadvent.org/fathers/15071.htm
- Katechismus der Katholischen Kirche §§ 404–406: https://www.vatican.va/archive/ENG0015/__P1C.HTM
- Konzil von Trient, Sessio V, Dekret über die Erbsünde, 17.06.1546: https://en.wikisource.org/wiki/Canons_and_Decrees_of_the_Council_of_Trent/Session_V/Original_Sin
- General Electric Co. v. Gilbert, 429 U.S. 125 (07.12.1976): https://en.wikipedia.org/wiki/General_Electric_Co._v._Gilbert
- A. D. Farr, Religious opposition to obstetric anaesthesia: a myth?, Annals of Science 1983: https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/00033798300200171
- Wikipedia, I Love Lucy / Lucy Goes to the Hospital: https://en.wikipedia.org/wiki/Lucy_Goes_to_the_Hospital
- Wikipedia, Marriage bar und Pregnancy Discrimination Act: https://en.wikipedia.org/wiki/Pregnancy_Discrimination_Act
- WHO, Endometriosis Fact Sheet: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/endometriosis
- Schoep et al., BMJ Open 2019 (Produktivitätsverlust, n=32.748): https://bmjopen.bmj.com/content/9/6/e026186
- Ose et al., A Decade Later, AJSM 2025 (Gender Data Gap): https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39780766/
- McNulty et al., Sports Medicine 2020 (Zyklus & Leistung, Meta-Analyse): https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32661839/