Mitte Juni geht SpaceX an die Börse — in gut zwei Wochen. Rund 1,75 Billionen Dollar Bewertung, der größte Börsengang der Geschichte. Wenn der Kurs hält, könnte Elon Musk zum ersten Billionär der Welt werden.
Klingt nach Erfolgsgeschichte. Ist aber eher eine Anleitung, wie man Millionen normalen Sparern still und leise das Geld aus der Tasche zieht.
Am Ende bleibst du drauf sitzen
Ein Investor hat es in der Financial Times auf den Punkt gebracht: Dieser Börsengang fühlt sich an, als wäre er genau dafür gebaut, dass am Ende die Kleinen auf den wertlosen Aktien sitzenbleiben.
Bei einem normalen Börsengang gehen 90 Prozent der Aktien an institutionelle Anleger, 10 an normale Leute. SpaceX dreht das um: 30 Prozent für „Main Street".
Klingt großzügig. Ist es nicht. Wenn ein Börsengang plötzlich so viel an Kleinanleger abgibt, heißt das meistens nur eins: Die Profis wollten zu diesem Preis nicht kaufen.
Und der Preis ist absurd. SpaceX macht rund 19 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr, fast alles aus Starlink und Staatsaufträgen. Bewertet wird die Firma trotzdem mit dem rund 90- bis 100-fachen ihres Umsatzes — teurer, gemessen am Umsatz, als praktisch jede Aktie im S&P 500. Ein FT-Redakteur nennt die Bewertung schlicht „batshit".
Der eigentliche Skandal ist der Index
Jetzt kommt der Teil, der mich wirklich ärgert. Denn der Hebel ist ausgerechnet das eine Finanzprodukt, das normalen Leuten je gedient hat: der Indexfonds.
Ein Index ist nur eine Liste. Ein Fonds bildet sie ab. Kommt eine Firma in den Index, muss jeder Fonds, der ihn nachbildet, sie kaufen — nicht weil sie gut ist, sondern weil die Liste es vorschreibt.
Bisher gab es eine Schutzregel: „Seasoning". Eine neue Firma musste Monate, teils bis zu einem Jahr öffentlich handeln, bevor sie in den Nasdaq-100 durfte. Zeit, in der der Markt den wahren Preis findet.
Im Frühjahr 2026 hat Nasdaq diese Regel gekippt. Seit dem 1. Mai gilt „Fast Entry": Eine riesige Firma kommt jetzt in 15 Handelstagen rein. Kein Seasoning. Wall Street fand das gut.
Übersetzt heißt das: Dein Rentensparplan kauft SpaceX, ob du willst oder nicht. Sie machen den Index kaputt.
Deshalb ist meine Konsequenz simpel: Man muss Indizes und ETFs suchen, die solche Papiere gar nicht erst aufnehmen. Nicht jeder „breite Markt" ist noch sauber, wenn die Regeln mitten im Spiel umgeschrieben werden.
„Enshittification" — mir ist das Wort zu billig
In der Financial Times wird das als „Enshittification der Märkte" beschrieben, geliehen von den Plattformen. Erst sind sie gut für die Nutzer, dann für die Geschäftskunden, am Ende pressen sie alle aus.
Beim Wort selbst sträubt sich bei mir etwas. „En-" klingt nach Verneinung, nach „nicht mehr gültig". Gemeint ist das Gegenteil — etwas wird zu Scheiße gemacht. Ein schiefes Wort für eine ernste Sache.
Und es passt nicht überall. Facebook? Klar, das ist heute Müll. Google? Macht vieles zu, ist aber oft trotzdem nützlich. Amazon? Verstehe ich ehrlich gesagt nicht ganz. Man sollte das Modewort nicht über alles stülpen — schon gar nicht so leichtfertig über die Finanzwelt. Die ist nicht einfach.
Musk
Vielleicht hatte Musk am Anfang ein paar gute Ideen. Eine echte Vision. Inzwischen ist das meiste nur noch zum Lachen — und wirkt seltsam selbstzerstörerisch.
SpaceX ist dabei nur das größte, sichtbarste Beispiel für ein Muster. Es geht nicht um eine Firma. Es geht um die Spielregeln.
Und die KI-Firmen, die ich selbst nutze?
Ehrlich sein muss man auch bei sich selbst. Bei Anthropic und OpenAI bin ich mir nicht sicher — ich benutze beide jeden Tag.
Anthropic soll demnächst ein Quartal lang schwarze Zahlen schreiben — zum ersten Mal. Ein Quartal, nicht ein ganzes Jahr. Wie glaubhaft das ist, weiß ich nicht. Vielleicht ist auch das der nächste Hype, der irgendwann jemandem das Geld aus der Tasche zieht.
Ändert sich was? Nein.
In dem FT-Text werden „neue Spielregeln" gefordert. Schön wär's.
Ich halte das für naiv. Die Regeln macht, wer sie braucht — Nasdaq schreibt sie sich selbst zurecht, Wall Street klatscht. Wer Geld hat, regiert die Welt — in Amerika gerade offener denn je.
Bleibt ein nüchterner Rest: Der Index war lange der einzige Weg, mit dem normale Leute überhaupt am Reichtum teilhaben konnten. Genau den machen sie jetzt kaputt.
Also pass auf, wer dir das Geld aus der Tasche zieht.
Quellen
- Financial Times: „SpaceX and the 'enshittification' of markets" — https://www.ft.com/content/f724d500-fd45-4f38-86b8-549b5cae88ba
- Video mit FT-Editor Robin Wigglesworth zum Index-Mechanismus — https://www.youtube.com/watch?v=sYA-z0Y8WRQ
- SpaceX-IPO, Bewertung & 30 % Retail — Fortune (https://fortune.com/2026/05/28/spacex-elon-musk-ipo-money/), CNBC (https://www.cnbc.com/2026/05/21/spacex-insiders-will-get-to-sell-shares-earlier-than-usual-after-the-ipo.html)
- SpaceX ~90–100× Umsatz-Multiple — Traders Union (https://tradersunion.com/news/market-voices/show/2118561-spacex-valuation-sales-comparison/), Semafor (https://www.semafor.com/article/05/23/2026/why-spacex-defies-valuations)
- Nasdaq-100 „Fast Entry" (seit 1. Mai 2026) — Ashurst (https://www.ashurst.com/en/insights/nasdaq-proposes-new-fast-entry-rule-for-the-nasdaq-100-index/)
- Anthropic erstes profitables Quartal — Bloomberg (https://www.bloomberg.com/news/articles/2026-05-20/anthropic-on-pace-for-first-profitable-quarter-as-revenue-surges), CNBC (https://www.cnbc.com/2026/05/20/anthropic-revenue-explosive-growth-ipo-profitable-quarter.html)