Jahrelang galt die bequemste Regel der Geldanlage: Kauf einen Welt-ETF, leg ihn weg, fertig. Du musst nichts verstehen und nichts auswählen — der Index bildet einfach „den Markt" ab. Genau diese Bequemlichkeit funktioniert gerade nicht mehr.
Ausgelöst hat das bei mir ein Artikel der Financial Times — und ein YouTube-Video, das zeigt, wie eigens für den Börsengang von SpaceX Indexregeln umgeschrieben wurden, damit die Aktie schneller in die großen Indizes rutscht. Laut Reuters hat Elon Musk sein Listing sogar an die Bedingung geknüpft, schnell in den Leitindex aufgenommen zu werden. Und die nächsten Kandidaten stehen schon bereit: OpenAI und Anthropic sollen noch dieses Jahr an die Börse, zu gewaltigen Bewertungen. Seitdem schaue ich genauer hin, was so ein Index eigentlich für mich kauft.
Worum es geht
Der Anlass ist der Börsengang von SpaceX. Eine Serie undurchsichtiger Finanzierungsrunden hat die Firma auf 1,25 Billionen Dollar „bewertet", und der Börsengang soll bei 1,75 Billionen laufen — bei rund 19 Milliarden Dollar Umsatz (großteils Starlink und Staatsaufträge) und wahrscheinlich roten Zahlen, seit auch noch xAI mitfinanziert wird. Kurz: ein extrem teures Papier, das zu diesem Preis kaum jemand fundamental freiwillig kaufen würde.
Und hier wird es spannend. Wer einen Index abbildet, muss kaufen, was drin ist — egal zu welchem Preis. Allein am S&P 500 hängen rund 24 Billionen Dollar. Kommt eine Aktie neu rein, entsteht automatisch eine Welle an Zwangskäufen. Genau auf diesen Mechanismus zielt das ganze Manöver: Musk hat einen Weg gefunden, Millionen Menschen in SpaceX zu investieren, ob sie wollen oder nicht.
Wer die Regeln gebogen hat — und wer nicht
Mehrere Indexanbieter haben mitgespielt. Nasdaq lässt SpaceX nach nur 15 Handelstagen rein, FTSE schon nach fünf, MSCI nach zehn, und Morningstar CRSP hat sogar die Mindest-Streubesitz-Hürde gesenkt, nur um die Firma aufnehmen zu können. Pikant dabei: Nasdaq ist gleichzeitig Börsenplatz und Indexanbieter — verdient also am Listing und schreibt die Regeln, nach denen die Aktie in den Index kommt.
Einer hat Nein gesagt: S&P Dow Jones. Am 5. Juni 2026 entschied das Index-Komitee: keine Änderung. Die alten Regeln bleiben — zwölf Monate Börsenhistorie, mindestens zehn Prozent Streubesitz und vier Quartale in Folge mit echtem Gewinn. SpaceX erfüllt davon nichts. Damit landet die Firma frühestens in einem Jahr im S&P 500, vielleicht nie.
Was das für meine ETF-Wahl heißt
Ganz konkret: Ein FTSE-All-World-ETF — also der klassische „Welt-ETF" wie VWRL — legt mir SpaceX automatisch ins Depot, sobald die Firma an die Börse geht. Der S&P 500 nicht. Und genau deshalb kaufe ich den Welt-ETF nicht mehr.
Mein Plan ist simpel. Ich spare monatlich in einen S&P-500-ETF — die USA laufen ohnehin heiß, und der Index bleibt durch seine strengen Regeln vergleichsweise „sauber". Dazu nehme ich einen zweiten ETF für den Rest der Welt, USA ausgeklammert. So habe ich beides: amerikanische Schwergewichte und globale Streuung — nur eben ohne den All-World-Topf, der mir SpaceX (und bei künftigen Börsengängen womöglich OpenAI oder Anthropic) durch die Hintertür reinkippt.
Ausschüttend übrigens — ich mag es, wenn die Dividenden sichtbar aufs Konto kommen, statt lautlos thesauriert zu werden. Geschmackssache, aber meine.
Der eigentliche Punkt
Er ist größer als SpaceX. „Passiv" galt immer als neutral: Der Index spiegelt nur, was ohnehin da ist. Heute werden Indizes aktiv umgebaut, weil Milliarden an Zwangskäufen daran hängen — und plötzlich entscheidet die Methodik, nicht der Markt, was du besitzt.
Verlassen kann man sich darauf fast nicht mehr. Man muss wieder hinschauen: Welcher Index? Welche Regeln? Wer darf rein — und warum ausgerechnet jetzt? Der bequeme Satz „kauf einfach die Welt" stimmt so nicht mehr. Wähle deinen Index mit Bedacht.