Schauen wir noch Fußball oder schon Wrestling?

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Heute Abend: Bayern gegen PSG, Champions-League-Halbfinale, 1:1. PSG entgeht Gelb-Rot, ein klarer Elfmeter wird nicht einmal per VAR geprüft. Ich sitze vor dem Computer und kann natürlich nicht objektiv beurteilen ob der Schiedsrichter alles richtig gemacht hat — ich bin Bayern-Fan. Aber der fahle Beigeschmack bleibt. Und er passt zu einer Geschichte die gerade viel größer ist als ein einzelnes Spiel.

In Italien hat sich gerade der Schiedsrichter-Koordinator der Serie A selbst suspendiert. Gianluca Rocchi, der Mann der entscheidet welche Schiedsrichter welche Spiele pfeifen, steht unter Verdacht Druck auf Referees ausgeübt und VAR-Entscheidungen beeinflusst zu haben. Zugunsten von Inter Mailand. Sogar sein VAR-Supervisor Andrea Gervasoni ist mitbetroffen.

Meine erste Reaktion? Ehrlich gesagt keine Überraschung.

Ich bin FC Bayern Fan. Und als solcher kennt man das Gefühl: Spiele gegen Real Madrid, bei denen die Entscheidungen auffällig in eine Richtung gehen. Natürlich sagen die Fans anderer Bundesliga-Vereine dasselbe über Bayern. Der große Club profitiert immer. Aber ist es wirklich nur Zufall? Oder hat der Zufall ein Muster?

Das Problem ist nicht Italien. Italien ist nur ehrlicher — die fliegen öfter auf. Calciopoli 2006, jetzt Rocchi 2026, zwanzig Jahre später. Aber wer glaubt dass Deutschland, England oder Spanien sauberer sind, der glaubt auch dass der VAR objektiv ist.

Apropos VAR. Der wurde eingeführt um genau solche Probleme zu lösen. Aber was bringt eine Videoüberprüfung wenn die Leute die den Bildschirm bedienen Teil des Systems sind? Die Entscheidungen die nach minutenlangem Studieren der Zeitlupe rauskommen sind oft genauso unverständlich wie vorher. Nur jetzt mit dem Anschein von Objektivität.

Und dann sind da die Sportwetten. Ein dreistelliger Milliarden-Markt, je nach Schätzung zwischen 100 und 200 Milliarden Dollar pro Jahr. Wer glaubt dass bei diesen Summen niemand auf die Idee kommt ein paar Ergebnisse zu beeinflussen, der hat noch nie etwas über menschliche Natur gelernt. Wo Geld ist, ist Korruption. Das ist keine Verschwörungstheorie, das ist Statistik.

Was mich wirklich beschäftigt: Ich bin hin- und hergerissen. Ein Teil von mir sagt dass die großen Clubs einfach besser sind. Mehr Geld, bessere Spieler, mehr Druck auf den Gegner — und Schiedsrichter sind auch nur Menschen die unbewusst dem Druck nachgeben. Der andere Teil sieht Muster die schwer zu ignorieren sind. Und dieser Teil hinterlässt einen schlechten Geschmack im Mund.

Bei WWE Wrestling weiß jeder dass alles gestellt ist. Die Kämpfe, die Rivalitäten, die dramatischen Wendungen — alles Drehbuch. Und die Leute schauen trotzdem zu. Die genießen es sogar, gerade weil sie wissen dass es Show ist.

Beim Fußball? Da wollen wir es nicht wissen. Wir investieren Emotionen, kaufen Trikots, schreien uns die Seele aus dem Leib — und blenden aus dass das System von den Sportwetten über die Verbände bis zu den Schiedsrichtern durchsetzt sein könnte von Interessen die nichts mit Sport zu tun haben.

Vielleicht ist die Lösung tatsächlich Technologie. KI die jede Entscheidung in Echtzeit überprüft, die keine Karriereängste hat, die nicht von Verbandspräsidenten zum Essen eingeladen wird. Keine menschlichen Schiedsrichter auf dem Feld — oder zumindest eine KI die ihnen über die Schulter schaut und bei der man nicht einfach den Bildschirm zuklappen kann.

Und die Spieler selbst? Karim Benzema wurde 2021 schuldig gesprochen, seinen Nationalmannschaftskollegen Mathieu Valbuena mit einem Sextape erpresst zu haben. Ein Jahr Bewährung, 75.000 Euro Strafe. Seine Konsequenz? Er wurde zurück in die Nationalmannschaft geholt, spielte die EM und die WM, und gewann den Ballon d'Or. Die Botschaft ist klar: Solange du gut genug kickst, ist alles verzeihlich.

Bis dahin schauen wir weiter zu. Mit diesem unguten Gefühl im Magen. Und mit der stillen Frage ob wir nicht längst Wrestling schauen — nur ohne es zuzugeben.

Shakespeare hat es vor über 400 Jahren gesagt: Die ganze Welt ist eine Bühne. Er hat nur vergessen zu erwähnen dass der Eintritt 200 Milliarden Dollar kostet.

Quellen