Es ist kurz nach Mitternacht, und ich streite mit einer Maschine über die Zahl Acht.
Ich will eine Herz-Acht. Eine Spielkarte, acht rote Herzen drauf, mehr nicht. Die KI malt neun. Ich schreibe: acht. Sie malt sieben. Ich schreibe: acht, eins oben links, eins unten rechts, und es sind Herzen, keine Sterne. Sie malt Weihnachtssterne. Ich schreibe: HERZEN. ACHT. Sie liefert Halloween-Kürbisse.
Das ging über Tage. Und es war gleichzeitig zum Lachen und zum Wahnsinnigwerden — meistens beides im selben Moment.
Wie aus einem Spielzeug ein Werkzeug wurde
Angefangen hat das alles im Mai 2023, völlig harmlos. Ein YouTube-Video, ein Kollege, der „probier das mal aus" sagte. Kein Plan, keine Absicht. Ein neues Spielzeug war rausgekommen, und ich wollte damit rumspielen.
Aus dem Rumspielen wurde etwas anderes. Drei Jahre später zieht mein Datenexport eine nüchterne Bilanz: 1.553 Gespräche, 20.618 Nachrichten, 16,8 Millionen Zeichen. Ausgedruckt wären das rund elftausend A4-Seiten. Niemand tippt elftausend Seiten aus Versehen.
Heute baue ich mit dieser Maschine ganze Apps. Aber der Weg dahin führte, wie so oft, mitten durch den Blödsinn.
Warum man einem Anfänger die KI nicht ansieht
Am Anfang war es simpel: Chat im Browser. Frage rein, Antwort raus, Staunen. Manchmal war die Antwort brillant, manchmal glatt erfunden — und als Noob hörst du den Unterschied nicht.
Genau das ist das Faszinierende an KI und gleichzeitig das Verräterische: Sie klingt immer souverän. Ob sie recht hat oder halluziniert, steht ihr nicht ins Gesicht geschrieben. Dass man das auseinanderhalten lernt, dauert.
Ehrlich gesagt hätte ich vieles auch selbst programmieren können. Teilweise zumindest. Aber es die Maschine machen zu lassen war zu faszinierend — und schneller war es obendrein. Bilder allerdings, die hätte ich nie selbst hinbekommen. Ironischerweise waren genau die mein Waterloo.
Der Code ging. Die Karte nicht.
Denn das Solitär-Spiel, um das es die ganze Zeit ging, das hat die KI mir tatsächlich gebaut. Ein vollständiges Kartenspiel in Swift, Ende 2024, lauffähig. Kein Problem.
Das Problem waren die Karten selbst — die Bilder. Ich wollte die Spielkarten von der KI malen lassen, und daran ist sie so grandios gescheitert, dass ich es bis heute nicht ganz glauben kann.
Eine einzige dieser Sessions umfasst 134 Nachrichten und 34 Bildversuche. Vierunddreißig Anläufe für ein Bild, auf dem acht Symbole sein sollen. Ich habe angefangen wie ein höflicher Mensch und geendet wie jemand, der einem Kleinkind zum zwanzigsten Mal erklärt, warum der Herd heiß ist.
April 2025 ist mit Abstand mein aktivster Monat überhaupt: 3.460 Nachrichten. Der zweitplatzierte Monat kommt nicht mal auf 700. Fast dieser gesamte Rekord besteht aus mir, wie ich einer künstlichen Intelligenz das Zählen bis acht beizubringen versuche.
Und das ist der Punkt, an dem es kippt von lustig zu tiefsinnig: Dieselbe KI, die mir ein komplettes Solitär-Spiel programmiert hatte, scheiterte an einer Acht der Herzen. Code — Weltklasse. Acht Symbole ordentlich auf ein Bild — unmöglich. So ist diese Technik: in einem Atemzug genial und erschütternd dumm, und dazwischen liegt oft nur ein einziger Prompt.
Vom Chatpartner zum Handlanger
Irgendwann wanderte das Ganze aus dem Browser hinaus. Erst in die Kommandozeile, dann in Werkzeuge, die nicht mehr bloß antworten, sondern selbst zupacken: Dateien lesen, Code schreiben, Programme starten, eigene Fehler finden und ausbügeln.
Das verändert die Beziehung. Ich diskutiere nicht mehr mit einem Chatbot, ich delegiere an einen Agenten. Ich sage, was ich will, und die Maschine baut es — über viele Schritte, weitgehend allein, während ich danebensitze und staune.
Wie sehr mich das gepackt hat, verraten die Uhrzeiten. Meine aktivste Stunde ist 21 Uhr. Zwischen ein und fünf Uhr früh herrscht Funkstille — meistens. Ab und zu steht da eine Nachricht um Mitternacht, weil eine Sache eben noch fertig werden musste. Siehe oben, Herz-Acht.
(nearly)
Bin ich also inzwischen Master? Nicht ganz — daher das „nearly". Ein Stück fehlt noch, aber lange dauert es nicht mehr.
Und die KI selbst? Die ist auch noch nicht ganz Master. In den ewigen Debatten haben irgendwie alle recht: in manchen Dingen ist sie noch schlecht, in anderen längst brillant. Nur eines steht für mich fest — die nächsten Jahre werden verdammt interessant.
Von Noob zu Mastery, auf beiden Seiten des Bildschirms. Nearly.
Quellen
- Auswertung des eigenen ChatGPT-Datenexports (Mai 2023 – Juni 2026): 1.553 Gespräche, 20.618 Nachrichten, Zeitstempel in lokale Zeit (Europe/Rome) umgerechnet.
- DALL·E 3 System Card — OpenAI (Grenzen bei präziser Anzahl/Text in Bildern)
- If AI image generators are so smart, why do they struggle to write and count? — The Conversation