Ich gebe es offen zu: Im Kino bin ich der Strenge. Der, der sich innerlich verkrampft, sobald hinter mir geflüstert wird. Und nein, ich finde das nicht übertrieben — ich finde es richtig.
Gestern war ich wieder dort. Erst saßen Leute auf meinem Platz, aber das war mir egal, vor mir war eh frei und die Stühle dort sind besser. Geschenkt. Das Problem kam danach: Sie redeten. Nicht einmal, sondern immer wieder, durch den ganzen Film.
Und sie waren nicht allein. Es ist Sommer, das Kino ist voll, und gefühlt hat jeder Zweite das Bedürfnis, seinem Sitznachbarn live mitzuteilen, was er gerade auf der Leinwand sieht.
Reagieren ja, kommentieren nein
Versteht mich nicht falsch. Ich bin kein Zen-Mönch, der Totenstille verlangt. Lachen ist völlig in Ordnung. Ein Erschrecken, ein „Wow", ein kollektives Luftholen, wenn die Wendung kommt — genau dafür geht man doch ins Kino.
Das ist sogar das Schönste daran. Der Soziologe Émile Durkheim hat für dieses Gefühl einen Begriff geprägt: kollektive Efferveszenz, das gemeinsame Mitschwingen einer Menge. Hundert Menschen, die im selben Moment zusammenzucken — das kriegst du zu Hause auf dem Sofa nie hin.
Aber genau hier liegt der Unterschied. Ein Ausruf ist eine Reaktion auf den Film. Ein Gespräch ist eine Abwendung von ihm. „Was glaubst du, geht das jetzt so oder so aus?" — nein. Das ist kein Mitfiebern, das ist Reden über den Film, während der Film läuft.
Essen ja, telefonieren undenkbar
Meine Grenze ist eigentlich simpel. Essen, trinken, kichern — alles erlaubt. Sobald aber Sätze fallen, die nichts mit einem spontanen Gefühl zu tun haben, sondern eine ganze Unterhaltung sind, ist Schluss.
Lautes Telefonieren wäre das Maximum, aber das macht ja zum Glück fast niemand. Falls doch jemand neben mir abheben würde — ehrlich, da würde ich mich aufregen. Die Dauerquassler sind das eigentliche Problem.
Würde ich sie rauswerfen? Fast.
Es gibt Kinos, die genau das tun. Die texanische Kette Alamo Drafthouse wirft Gäste raus, die während des Films reden oder am Handy hängen — eine Warnung, beim zweiten Mal fliegst du, ohne Rückerstattung. Und die Leute lieben es dafür.
Bei dem Gedanken ertappe ich mich, wie ich fast dabei wäre. Nicht aus Bosheit, sondern weil eine Karte ein stiller Vertrag ist: Wir alle haben bezahlt, um zwei Stunden in derselben Geschichte zu verschwinden. Wer redet, bricht den Vertrag für alle anderen mit.
Sind wir die Spielverderber?
Jetzt könnte man sagen: Früher waren Lichtspielhäuser laut, da wurde gerufen und kommentiert, also stell dich nicht so an. Stimmt. Aber dann gehen wir konsequenterweise gleich ins Theater — und dort ruft auch niemand dazwischen. Gelacht wird, erschrocken wird, ansonsten: Stille.
Vielleicht klingt das alles streng. Aber zu Hause bin ich der entspannteste Mensch der Welt — da rede ich, so viel ich will. Allerdings schaut bei mir nie jemand mit. Insofern: Das Problem habe ich ausschließlich dort, wo es wirklich eines ist. Im Kino.