Den Satz hat mein Vater immer wieder gesagt. Wieder und wieder, bis er irgendwann hängen blieb. Bei mir ist es wörtlich gemeint — ein echter Bauernhof. Aber jeder kann den Satz nehmen und „Hof" durch das ersetzen, was er besitzt: Firma, Wohnung, App, Konto, Sammlung, was auch immer.
Der Spruch hat einen einfachen Kern. Du sollst entscheiden, was mit der Sache passiert. Nicht die Sache, was mit dir passiert.
Klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.
Ich habe selbst gemerkt, wie schnell das kippt. Es gab einen Moment, da war Aussicht auf Geld. Viel Geld. Ich habe angefangen, mein Leben um diese Aussicht herum zu bauen. Was ich tue, wann ich es tue, was ich aufschiebe, was ich aufgebe. Zum Glück ist nichts daraus geworden. Ich sage bewusst „zum Glück". Denn wäre das durchgegangen, würde ich heute wahrscheinlich immer noch so leben — angekettet an etwas, von dem ich am Anfang dachte, ich besitze es.
Das ist das Tückische an dem Kippmoment. Er fühlt sich nicht wie eine Niederlage an. Er fühlt sich nach Erfolg an. Du baust auf, du arbeitest, du machst, du tust, du verdienst — und irgendwann gehört dein Tag dem Hof. Deine Identität auch. Wer du bist, hängt am Besitz. Am Konto. An den Hektar. An der Bewertung.
Und das ist das eigentliche Frühwarnsignal: Wenn du anfängst, dich über deinen Besitz zu definieren, hat er dich schon. Nicht andersrum.
Ich will hier nicht so tun, als wäre ich frei von allem. Bei mir ist das Essen ein großes Problem. Konkret: Übergewicht. Da gehöre ich ganz klar dem Hof, nicht andersrum. Das Essen entscheidet zu oft, was ich tue, wie ich mich fühle, wie mein Tag aussieht — und der Körper trägt die Rechnung sichtbar mit sich herum. Insofern: Ich predige nicht aus dem Glashaus heraus. Ich predige aus dem Glashaus, weil ich weiß, wie sich die Wände anfühlen.
Ich habe keine Antwort für jemanden, der mittendrin steckt. Wenn einer sagt „ich kann nicht loslassen, sonst bricht alles zusammen", dann weiß ich nicht, was man ihm sagen soll. Vielleicht ist „bricht alles zusammen" ja auch genau das, was passieren müsste. Vielleicht bricht dann nicht der Hof zusammen, sondern die Idee, dass man ohne ihn nichts ist.
Was hilft mir? Mir hilft, mir immer wieder klarzumachen: Der Hof ist ein Ding. Eine Sache. Wie jede andere Sache auch. Er hat Wert, klar. Aber er ist nicht ich. Wenn er morgen weg wäre, wäre ich immer noch ich. Anders, aber da. Diese Trennung — ich bin nicht das, was ich besitze — ist die ganze Übung.
Mit kleinen Sachen klappt das bei mir ganz gut. Ich gebe viel Geld für Spielzeug aus — iPhones, Computer, Autos. Sieht von außen vielleicht wie das Gegenteil von dem aus, was ich gerade gepredigt habe. Ist es aber nicht. Wenn ein Gerät kaputt geht, geht es kaputt. Versichert, ärgerlich, mit Aufwand verbunden — aber kein Drama. Es kommt ein neues. Das iPhone wechsle ich jedes Jahr, das alte verkaufe ich. Geräte halten ihren Wert ganz ordentlich, der Verlust ist überschaubar. Beim Auto läuft es ähnlich: rechtzeitig wechseln, altes verkaufen, weiterfahren. Auf dem Land brauche ich eines — würde ich in London leben, hätte ich vermutlich keines. Mein Punkt: Ich habe diese Sachen — aber sie haben mich nicht. Wenn sie morgen alle weg wären, wäre ich genervt, aber sonst nichts.
Beim Hof ist die Probe schwerer, weil mehr dranhängt. Aber das Prinzip ist dasselbe.
Ein Punkt noch, der bei mir vielleicht anders liegt als bei vielen anderen: Ich habe keine Nachkommen. Wahrscheinlich werde ich auch keine bekommen. Es war nicht immer so. Zwischen ungefähr 18 und 22 wollte ich für eine längere Zeit Kinder haben — ich kann das heute nicht mehr genau eingrenzen, aber der Wunsch war da. Irgendwann ist er gegangen. Nicht über Nacht, eher schleichend.
Damit fällt eine der größten Rechtfertigungen weg, die Menschen ihrem Hof gegenüber haben: „Ich baue das für meine Kinder auf. Damit sie es besser haben. Oder zumindest gleich gut." Ich habe niemanden, dem ich etwas hinterlassen muss. Mir fällt es deshalb vielleicht leichter, den Hof als das zu sehen, was er ist — eine Sache, die mir das Leben angenehmer machen soll, und nicht ein Projekt, dem ich mein Leben opfere für jemanden, der erst noch kommen soll.
Mir geht es nicht um Verzicht. Es geht um Reihenfolge. Erst das Leben, dann der Besitz. Erst die Freiheit, dann der Hof. Wenn der Hof zu dem führt, was ich vom Leben will, super. Wenn er anfängt, mein Leben zu bestimmen, muss er weg, schrumpfen, verkauft, vermietet, automatisiert — irgendwas, das die Richtung wieder dreht.
Freiheit ist die Probe. Wenn ich morgen entscheiden kann, ein Jahr nicht hinzuschauen, dann gehört der Hof mir. Wenn ich das nicht kann — gehöre ich ihm.
Das ist zumindest meine Meinung, viele sehen das ganz anders. Wäre wohl auch langweilig, wenn jeder es gleich sehen würde.