Callboys, Bordelle und die Frage, wer hier eigentlich freiwillig ist

Scrollen

In Youtube habe ich gerade eine ZDF-"Anstalt"-Sendung gesehen eine Sequenz über deutsche Sexarbeit. Bissig, satirisch, aber mit harten Zahlen: rund 32.000 nach dem Prostituiertenschutzgesetz angemeldete Sexarbeiterinnen, über 80% mit nicht-deutscher Staatsangehörigkeit (Destatis 2023/24). Wie viele es tatsächlich sind, weiß keiner — Schätzungen reichen von 90.000 bis weit über 200.000, aber das sind Multiplikator-Rechnungen, keine Messungen. Die UN-Sonderberichterstatterin Reem Alsalem warnte 2023, Deutschland sei dabei, das "Bordell Europas" zu werden. Das Thema klebt im Kopf — weil es kein sauberes Thema ist.

Verbieten löst nichts

Ich bin nicht für ein Verbot. In den USA ist Prostitution überwiegend verboten — mit Ausnahmen: Nevada hat lizenzierte Bordelle in zehn Counties, Maine hat 2023 die Verkäuferseite dekriminalisiert. Ob ein Verbot tatsächlich zu einem gefährlicheren Schwarzmarkt führt, ist umstritten. Manche Studien zeigen sinkende Gewalt bei Dekriminalisierung, andere sehen bei Legalisierung mehr Menschenhandel. Eindeutig ist die Datenlage nicht.

Das nordische Modell — Käufer strafbar, Verkäuferin nicht — überzeugt mich auch nicht. Schweden hat das 1999 eingeführt, Norwegen, Frankreich, Irland und Kanada sind gefolgt. Der offizielle schwedische Evaluationsbericht von 2010 feiert einen Rückgang des Straßenstrichs; Kritiker werfen ihm vor, den Online- und Indoor-Markt nicht erfasst zu haben. Auch hier: kein eindeutiger Befund.

Also: legal lassen. Nicht naiv-libertär gemeint, sondern pragmatisch. Verbote lösen das Problem nicht und machen es zudem noch schwerer messbar.

Trotzdem zwingt mich die "Anstalt" zum Nachdenken. Wenn das "Vorzeigebordell" Paradise bei Stuttgart auflog, weil die Hells Angels Frauen unter Zwang zuführten — Gründer Jürgen Rudloff wurde 2018 zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt — was sagt das über die Bordelle, die keiner kennt? Wenn 70% der Frauen sich in einer Regierungsstudie angeblich wohlfühlen, dieselbe Studie aber explizit nicht repräsentativ ist, weil sich Zwangsprostitution im Dunkelfeld abspielt — was wissen wir dann wirklich?

Das Problem, das alles vergiftet

Zwangsprostitution ist real. Im polizeilichen Hellfeld registriert das BKA jährlich rund 400 Opfer sexueller Ausbeutung; das Dunkelfeld liegt nach allen seriösen Schätzungen um den Faktor zehn bis zwanzig höher. Über 90% der Opfer sind weiblich, rund drei Viertel der Tatverdächtigen männlich. Genau hier zerbricht der Satz "ist doch ein Geschäft zwischen Erwachsenen".

Als Mann in ein Bordell zu gehen heißt: Du wirst nie sicher wissen, ob die Frau, mit der du im Zimmer bist, das freiwillig macht. Sie wird dir auch nicht "ja, ich bin gezwungen" sagen — das wäre lebensgefährlich für sie.

Bessere Kontrolle — aber wie?

Die ehrliche Antwort: keine Ahnung. Das Prostituiertenschutzgesetz von 2017 brachte Anmeldepflicht, Gesundheitsberatung und Kondompflicht — Schutz auf dem Papier. In der Realität haben sich nur ein Bruchteil der Geschätzten registriert, weil viele Frauen Angst haben, namentlich erfasst zu werden.

Solange Armut, Migrationsdruck und organisierte Kriminalität die Zulieferer bleiben, kontrolliert man am Endpunkt eines Systems herum. Das ist wie Eimer aufstellen, während das Dach offen ist.

Und Escorts?

Bei Escorts — die teurere, oft selbstorganisierte Form von Sexarbeit — ist die Wahrscheinlichkeit für Zwangsprostitution wahrscheinlich geringer als im klassischen Bordellbetrieb. Höhere Preise, mehr Eigenkontrolle, oft eigene Wohnung oder Hotel statt Schichtbetrieb in einem Großbordell. Aber ausschließen kannst du es nie. Auch im Escort-Markt gibt es Zuhälter-Strukturen und Agenturen, die Frauen unter Druck halten — nur weniger sichtbar als im klassischen Bordell. Die Risikoabwägung wird kleiner, sie verschwindet nicht.

Und Callboys?

Hier wird es interessant — und ich bin ehrlich: Das ist meine Vermutung, kein Befund. Belastbare Studien zum Callboy-Markt für Frauen gibt es nicht. Das BKA registriert männliche Opfer sexueller Ausbeutung im einstelligen bis niedrigen zweistelligen Bereich pro Jahr, fast alle aus Männer-an-Männer-Konstellationen.

Mein Bauchgefühl trotzdem: Zwangsprostitution dürfte bei Callboys deutlich seltener sein. Im Menschenhandel sind die Täter fast immer Männer — das gilt für weibliche Opfer wie für die selteneren männlichen. Eine Frau, die einen Mann in die Prostitution zwingt: gibt es vermutlich, aber als Massenphänomen kaum vorstellbar.

Dazu kommt: Die Nachfrage ist viel kleiner. Wenig Markt heißt wenig Geld, wenig Geld heißt weniger Anreiz für organisiertes Verbrechen. Das ist eine ökonomische Plausibilitätsannahme, keine empirische Aussage.

Was übrig bleibt, ist vielleicht eine Art Armuts-Prostitution — jemand, der es macht, weil das Geld fehlt. Das ist eine andere Kategorie als jemand, der gezwungen wird. Schlimm genug, aber anders.

Haben Frauen es leichter?

Beim Buchen ohne moralisches Bauchgrummeln: ziemlich sicher ja. Wer einen Callboy bestellt, muss nicht mit dem Gedanken kämpfen "ist diese Person freiwillig hier?". Diese Sicherheit hat ein Mann, der ein Bordell betritt, nicht.

Bei der körperlichen Sicherheit bin ich mir weniger sicher. Theoretisch ist Gewalt in beide Richtungen möglich, aber das ist mit fremden Menschen immer so. Beim ersten Date weißt du auch nicht, wer dir gegenübersitzt.

Was bleibt

Ich kenne Männer, die in Bordelle gegangen sind. Ich verurteile niemanden dafür. Es ist nicht mein Weg.

Prostitution ist kein normales Dienstleistungsgewerbe — Schröders Reform 2002 sollte das schaffen, sie hat es nicht geschafft. Und gleichzeitig nicht so tut, als löse ein Verbotsschild das Problem. Beides ist Quatsch.

Quellen