Photovoltaik erzeugt pro Hektar 30-mal mehr Energie als Energiemais für Biogas. Das Thünen-Institut hat es ausgerechnet: Silomais bringt rund 23.000 kWh Strom pro Hektar und Jahr. Eine PV-Freiflächenanlage bringt rund 700.000 kWh. Sieben Haushalte versus 230 Haushalte — vom selben Hektar.
In Deutschland werden heute rund 2,2 Millionen Hektar für Energiepflanzen genutzt — Biogas-Mais, Raps für Biodiesel, Getreide für Bioethanol. Das ist mehr Fläche, als Solar für den gesamten deutschen Strombedarf bräuchte. Wir haben kein Flächenproblem. Wir haben ein Effizienzproblem.
Aber die Frage ist nicht: Solaranlage oder Landwirtschaft. Die Frage ist: Warum nicht beides?
Was ist Agrovoltaik?
Agrovoltaik — auch Agri-PV genannt — ist die Doppelnutzung landwirtschaftlicher Flächen für Nahrungsmittel und Strom. Die Varianten, die es mittlerweile gibt, sind vielfältiger als die meisten denken.
1. Hochaufgeständerte Anlagen
Die Solarmodule hängen in fünf Metern Höhe. Darunter wird ganz normal geackert — Weizen, Kartoffeln, Sellerie, Klee. Traktoren und Mähdrescher fahren problemlos durch. Am Forschungsstandort Heggelbach am Bodensee hat das Fraunhofer-Institut gemessen: Die Kombination aus Ernte und Strom steigerte die Landnutzungseffizienz auf bis zu 186 Prozent im Hitzesommer 2018, im Schnitt auf rund 160 Prozent. Aus einem Hektar werden quasi 1,6 bis 1,86 Hektar.
Die Ernteverluste durch die Verschattung? Gering. In heißen Sommern sogar ein Vorteil, weil die Pflanzen weniger Trockenstress haben.
2. Vertikale Zaun-Systeme
Bifaziale Module stehen senkrecht wie Zäune zwischen den Feldern. Sie produzieren Strom von beiden Seiten — morgens Osten, abends Westen — und nehmen praktisch keine Ackerfläche weg. Die landwirtschaftliche Nutzung bleibt zu 100 Prozent erhalten.
Besonders smart: Diese Systeme produzieren ihren Strom vor allem morgens und abends, genau dann, wenn klassische Süd-Anlagen wenig liefern. Das glättet die Einspeisekurve.
3. Solar-Gewächshäuser
Photovoltaikmodule werden ins Dach oder die Fassade von Gewächshäusern integriert. Sie erzeugen Strom und schützen gleichzeitig die Pflanzen vor Hagel, Starkregen und zu viel Hitze. An der Universität der Toskana haben Forscher einen Prototyp mit drehbaren Modulen entwickelt — je nach Lichtbedarf der Pflanzen lassen sie mehr oder weniger Sonne durch.
4. Weidehaltung unter Modulen
Eine Studie der Universität Göttingen zeigt: Schafe bevorzugen an heißen Tagen die schattigen Bereiche unter Solarmodulen. Das Gras darunter hat sogar einen höheren Rohproteingehalt. Die Schafe halten den Bewuchs kurz, der Betreiber spart sich das Mähen.
In Niederbayern weiden Bisons, Angus- und Galloway-Rinder auf einer 50.000 Quadratmeter großen Solarfläche. "Solar Grazing" nennt sich das — und es rettet Betriebe: Eine Schäferin erzählte agrarheute, ohne die PV-Anlage hätte sie ihre 20 Mutterschafe abgeben müssen.
5. Moor-PV
Entwässerte Moore verursachen rund 42 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente pro Jahr — fast die Hälfte aller Treibhausgasemissionen aus der deutschen Landwirtschaft, obwohl sie nur 7 Prozent der Agrarfläche ausmachen. Das Fraunhofer-Projekt "MoorPower" (7 Millionen Euro Förderung, Laufzeit bis 2028) untersucht die Kombination: Moore wiedervernässen und PV-Anlagen draufstellen. Dreifacher Gewinn: Strom, weniger Emissionen, mehr Biodiversität.
6. Obstbau unter Strom
Am Bodensee integriert der Obsthof Bernhard PV-Module direkt über seinen Apfelbäumen. Die Module sind halbtransparent (49 Prozent Lichtdurchlässigkeit) und schützen die Früchte vor Sonnenbrand und Hagel. Am Kompetenzzentrum Obstbau Bodensee werden sechs Apfelsorten und zwei Birnensorten unter PV getestet — mit dem Ziel, auch den Pflanzenschutzmitteleinsatz zu reduzieren.
7. Aquavoltaik
Schwimmende Solarpanels auf Fischteichen und Aquakulturbecken. Die Module reduzieren die Verdunstung, regulieren die Wassertemperatur und verbessern die Lebensbedingungen der Fische. Die Kühlung durch das Wasser steigert gleichzeitig den Wirkungsgrad der Module.
8. Bestäuber-freundliche Solarparks
Wildblumenwiesen zwischen und unter den Modulen, gezielt als Habitat für Bienen und andere Bestäuber angelegt. Solarparks werden zu Biodiversitäts-Inseln inmitten von Agrarwüsten.
9. Nachgeführte Tracker-Systeme
Einachsige Tracker folgen der Sonne über den Tag und steigern den Ertrag um 20 bis 30 Prozent gegenüber starren Systemen. Bei Bedarf stellen sie sich senkrecht, damit Maschinen durchfahren können. Wandernder Schatten, der den Hitzestress der Pflanzen reduziert.
10. Solar Sharing — das japanische Original
Japan hat 2013 als erstes Land eine Einspeisevergütung für Agri-PV eingeführt. Module auf dünnen Stelzen über Reisfeldern, Gemüsebeeten, Teeanbau. Tausende Anlagen sind seither entstanden.
Und was macht Südtirol?
Nichts. Oder fast nichts.
Südtirol ist eine der wenigen Regionen, in denen Freiflächen-PV auf landwirtschaftlichen Flächen stark eingeschränkt ist. Agri-PV ist bisher nur zu Forschungszwecken erlaubt. Die Begründung: Landschaftsschutz.
Gleichzeitig sagt der eigene Klimaplan 2040: Südtirol braucht 1.400 zusätzliche Megawatt PV-Leistung, um klimaneutral zu werden. Dächer und Parkplätze allein liefern das nicht. Mindestens 500 Megawatt müssten aus Agri-PV kommen — das sagen der Klima-Club Südtirol und die EURAC.
Die Logik dahinter ist ein Klassiker: Nur bei uns ist es schön, also sollen andere das machen. Kirchturmdenken im wörtlichen Sinne. Wir importieren lieber Strom von woanders, als unsere eigene Energie zu produzieren — obwohl die Sonne hier 300 Tage im Jahr scheint.
Wenn die Generationen vor uns hören würden, dass wir die Energie von draußen holen, obwohl wir sie selbst machen könnten, würden sie uns für verrückt erklären. Das sind die gleichen Leute, die jeden Quadratmeter Hang bewirtschaftet haben, damit nichts verschwendet wird. Und wir? Wir importieren Strom und nennen es Landschaftsschutz.
Dabei würde Agri-PV die Landschaft kaum verändern. Module über Apfelplantagen sehen nicht anders aus als die Hagelnetze, die dort jetzt schon hängen. Vertikale Zaun-Systeme auf Wiesen sind vom nächsten Wanderweg kaum zu sehen. Und Solar-Gewächshäuser sind Gewächshäuser.
Im Berggebiet, wo die Vegetationsperiode oft nur fünf Monate dauert, könnten Agri-PV-Anlagen den Bauern ein zweites Standbein geben — zwölf Monate Strom, fünf Monate Ernte, vom selben Feld. Stattdessen schauen wir zu, wie die Höfe sterben.
Die Physik ist längst geklärt
Die Technologie ist da. Die Forschung ist da. Die wirtschaftliche Logik ist da.
Jeder Hektar Energiemais, der durch Agri-PV ersetzt wird, produziert 30-mal mehr Energie — und der Bauer kann den Acker trotzdem bewirtschaften. Jede Weide, auf der Schafe unter Modulen grasen, produziert Strom und Fleisch und Wolle und Biodiversität gleichzeitig. Jedes wiedervernässte Moor mit PV-Anlage spart Tausende Tonnen CO₂.
Bei voller Elektrifizierung — Elektroautos statt Verbrenner, Wärmepumpen statt Gaskessel — halbiert sich der Gesamtenergiebedarf, weil ein Großteil der heutigen Energie als Abwärme verloren geht. Modellrechnungen zeigen: Zwei bis drei Prozent der europäischen Agrarfläche könnten genügen, um den gesamten Energiebedarf der EU solar zu decken.
Was fehlt, ist nicht die Technologie. Was fehlt, ist die Geschwindigkeit der Umsetzung.
Quellen: - Thünen-Institut: Flächeneffizienz verschiedener Energieerzeugungssysteme (2023) - Fraunhofer ISE: APV-RESOLA Projekt Heggelbach, Landnutzungseffizienz 186% - Fraunhofer ISE: MoorPower-Projekt (2024–2028), 7 Mio. € BMBF-Förderung - Universität Göttingen: Studie zu Tierwohl bei Schafbeweidung unter Solarmodulen (2026) - DIN SPEC 91434: Anforderungen an Agri-PV-Anlagen (2021) - Klima-Club Südtirol / SALTO: "Agri-Photovoltaik rechtzeitig regulieren" (05.05.2025) - Südtirol News: "Agri-Photovoltaik führt zum Ziel" - agrarheute: "Schafe zwischen Solarmodulen" (26.02.2026) - energiezukunft.eu: "Windkraft und PV deutlich effizienter als Energiepflanzen" (2023) - pv-magazine.de: PV-Freiflächenanlagen beanspruchen 45.200 Hektar (2025)
Bildnachweise: Alle Fotos Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0
Quellen
-
Fraunhofer ISE, Agrophotovoltaics: High Harvesting Yield in Hot Summer of 2018, April 2019: https://www.ise.fraunhofer.de/en/press-media/press-releases/2019/agrophotovoltaics-hight-harvesting-yield-in-hot-summer-of-2018.html
-
Fraunhofer ISE, APV-RESOLA Projektabschluss (Presseinformation), Oktober 2019: https://www.ise.fraunhofer.de/content/dam/ise/de/documents/presseinformationen/2019/1019_ISE_d_PI_APV_Projektabschluss.pdf
-
Fraunhofer ISE, MoorPower – Sustainable and Innovative Photovoltaic Solutions for Rewetted Peatlands (Projektseite, 2025): https://www.ise.fraunhofer.de/en/research-projects/moorpower.html
-
Fraunhofer ISE, Rewetting More Peatlands with Photovoltaics (Pressemitteilung, 2025): https://www.ise.fraunhofer.de/en/press-media/news/2025/rewetting-more-peatlands-with-photovoltaics.html
-
Thünen-Institut, Energie vom Acker: Mit Windkraft und Photovoltaik geht's am besten (Pressemitteilung): https://www.thuenen.de/de/newsroom/presse/aktuelle-pressemitteilungen/detailansicht/default-443e059cd7
-
top agrar, Thünen-Studie: Photovoltaik und Wind deutlich flächeneffizienter als Biogas, 2023: https://www.topagrar.com/energie/news/thuenen-studie-photovoltaik-und-wind-deutlich-flaecheneffizienter-als-biogas-13377051.html
-
Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR), Anbau nachwachsender Rohstoffe 2024 auf knapp 2,3 Mio. Hektar: https://biogas.fnr.de/service/presse/presse/aktuelle-nachricht/anbau-nachwachsender-rohstoffe-2024-auf-knapp-23-mio-hektar
-
Klimaland Südtirol / Provinz Bozen, Klimaplan Südtirol 2040: https://umwelt.provinz.bz.it/de/energie-klima/klimaplan-suedtirol-2040
-
Südtirol News, "Agri-Photovoltaik führt zum Ziel": https://www.suedtirolnews.it/wirtschaft/agri-photovoltaik-fuehrt-zum-ziel
-
PV Magazine, Agricultural PV emerges as Japan's next opportunity, Juni 2020: https://www.pv-magazine.com/2020/06/02/agricultural-pv-emerges-as-japans-next-opportunity/
-
ResearchGate / AIP, Evolution of agrivoltaic farms in Japan, 2021: https://www.researchgate.net/publication/352803816_Evolution_of_agrivoltaic_farms_in_Japan
-
Heinrich-Böll-Stiftung, CO₂-Schleudern: Wie entwässerte Moore unser Klima schädigen, Januar 2023: https://www.boell.de/de/2023/01/10/co2-schleudern-wie-entwaesserte-moore-unser-klima-schaedigen
-
Klimareporter, Für Solar reicht ein halbes Prozent der Fläche: https://klimareporter.de/strom/fuer-solar-reicht-ein-halbes-prozent-der-flaeche
-
Wikipedia, Agrophotovoltaikanlage Heggelbach: https://de.wikipedia.org/wiki/Agrophotovoltaikanlage_Heggelbach