Miscanthus: Ein Supergras für fast alles – aber wächst es auch im Gebirge?

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Es wächst fünf Zentimeter am Tag, brennt wie Holz, hält Nitrat aus dem Grundwasser und lässt sich zu Dämmplatten pressen, die ganz ohne Klebstoff halten. In einem Beitrag der Deutschen Welle wird Miscanthus – das Riesen-Chinaschilf – als „Supergras für alle Zwecke" vorgestellt. Die naheliegende Frage für Berggebiete: Lässt sich das auch auf 1.000 oder 1.400 Metern anbauen?

Die kurze Antwort vorweg: Das Gras ist beeindruckend, aber an seine Höhe gebunden. Der Reihe nach.

Eine sterile Kreuzung, die keine Samen bildet

Die angebaute Sorte heißt botanisch Miscanthus × giganteus, eine Kreuzung aus Miscanthus sinensis und Miscanthus sacchariflorus. Sie ist dreifach-chromosomig (triploid): Wegen des unausgewogenen Chromosomensatzes läuft die Samenbildung nicht ab, die Pflanze ist steril. Sie kann sich nicht unkontrolliert aussäen und gilt deshalb als nicht invasiv.

Vermehrt wird ausschließlich vegetativ, in der Regel über Wurzelstöcke, die sogenannten Rhizome. Eine einmal gepflanzte Fläche treibt jedes Frühjahr neu aus – über zwei Jahrzehnte hinweg.

Einmal pflanzen, zwanzig Jahre ernten

Als C4-Pflanze nutzt Miscanthus Sonne und Wärme besonders effizient. In der Hauptwuchsphase legt es rund fünf Zentimeter pro Tag zu; ein etablierter Bestand wird ab dem dritten Standjahr drei bis vier Meter hoch.

Aufwendig ist nur das erste Jahr, in dem das Unkraut von Hand oder mechanisch in Schach gehalten werden muss. Danach übernimmt das Gras das selbst: Das abfallende Laub bildet eine Mulchschicht, die kaum noch Unkraut durchlässt.

Im DW-Beitrag erntet ein Landwirt seit zwanzig Jahren von denselben Pflanzen, ohne Neuanpflanzung – jährlich zehn bis zwölf Tonnen pro Hektar. Ab dem dritten Standjahr liegen die in der Literatur dokumentierten Trockenmasse-Erträge je nach Standort meist zwischen zehn und zwanzig Tonnen je Hektar.

Brennstoff, Baustoff, Wasserschutz

Am bemerkenswertesten ist die Vielseitigkeit. Getrocknet hat Miscanthus einen Heizwert von etwa 4,5 Kilowattstunden pro Kilogramm – knapp unter Holz. Rund 2,2 bis 2,5 Kilogramm ersetzen einen Liter Heizöl. Beim Verbrennen wird nur so viel CO₂ frei, wie die Pflanze zuvor gebunden hat; über den gesamten Anbau gerechnet gilt es als nahezu klimaneutral. In Frankreich heizen Gemeinden mit dem Häckselgut bereits öffentliche Gebäude wie Rathaus, Schule und Kantine.

Stofflich geht noch mehr. Unter hohem Druck und Hitze wird das pflanzeneigene Lignin aktiviert und verklebt die Fasern zu stabilen Platten – ganz ohne künstliches Bindemittel, ein Verfahren, das vor allem von Strohbauplatten bekannt ist. Mit Kalk oder Zement gemischt entstehen Wandblöcke, aus den Fasern lassen sich Dämmputz und Dämmplatten herstellen. Selbst Toilettenpapier und – an der Universität Bonn erprobt – torffreies Pflanzsubstrat sind möglich.

Auch im Boden leistet das Gras etwas. Weil es kaum gedüngt werden muss und fast keinen Pflanzenschutz braucht, gelangt sehr wenig Nitrat ins Sickerwasser – auf ähnlich niedrigem Niveau wie bei extensiv genutztem Grünland und deutlich weniger als bei intensivem Ackerbau. Das macht den Anbau für Wasserschutzgebiete interessant. Die dichte Mulchauflage bremst bei Starkregen das ablaufende Wasser, hält den Boden feucht und fördert das Bodenleben – etwa Regenwürmer, die ihn auflockern, sodass Wasser besser versickert.

Gras statt Holz: ein Blick in die Praxis

Dass aus schnell wachsendem Gras ein ernstzunehmender Baustoff werden kann, zeigt ein Beispiel aus den USA. Das Startup Plantd – von früheren SpaceX-Ingenieuren gegründet – presst aus Gras-Biomasse Bauplatten als Ersatz für herkömmliche OSB-Holzwerkstoffplatten. Das Prinzip ist dasselbe wie oben: Das pflanzeneigene Lignin verleiht der Platte ihre Steifigkeit. Der größte US-Hausbauer hat einen Vertrag über zehn Millionen Platten geschlossen – genug für rund 90.000 Häuser.

Allerdings setzt Plantd dafür aller Wahrscheinlichkeit nach nicht auf Miscanthus. Die genaue Art hält das Unternehmen geheim, doch es brauchte eine behördliche Genehmigung für eine invasive Pflanze – ein deutliches Indiz für das noch wuchskräftigere Riesenschilf (Arundo donax), das sich mehrmals im Jahr ernten lässt. Genau hier zeigt sich der Vorteil des sterilen Miscanthus-Hybrids: Arundo donax breitet sich über Ausläufer aus und gilt in wärmeren Regionen als invasiv, während Miscanthus × giganteus keine Samen bildet und an Ort und Stelle bleibt.

Die Höhenfrage: Wo hört der Anbau auf?

Für höhere Lagen fällt die Antwort nüchterner aus. Miscanthus × giganteus geht auf eine subtropische Hybride aus Zentraljapan zurück und ist wärmebedürftig. Zwar ist es als C4-Pflanze vergleichsweise kältetolerant – hohe, gesicherte Erträge bringt es aber erst an Standorten mit einer Jahresmitteltemperatur von mindestens etwa acht Grad.

Das Technologie- und Förderzentrum (TFZ) in Bayern zieht eine klare Linie: Ab einer Jahresmitteltemperatur unter sieben Grad wird ein gesicherter Ertrag „zunehmend problematisch". Als grobe Faustregel entspricht das Lagen oberhalb von rund 700 Metern – ausschlaggebend ist aber die Durchschnittstemperatur, nicht die Höhe an sich. Ein sonniges Südtiroler Talende kann wärmer sein als eine schattige Nordlage gleicher Höhe. Ein österreichischer Anbauversuch der HBLFA Raumberg-Gumpenstein lag mit 650 bis 700 Metern und 6,9 Grad Jahresmittel genau an dieser Grenze.

1.400 Meter liegen weit darüber. Für den ertragsorientierten Anbau in solchen Höhen gibt es praktisch keine dokumentierten Daten – das wäre Experiment, nicht erprobte Praxis. Zwei Hürden kommen zusammen: Der Boden erwärmt sich spät, sodass die kurze Bergsaison für den vollen Aufwuchs womöglich nicht reicht. Und frisch gesetzte Rhizome sind im ersten Winter am empfindlichsten – besonders in kahlfrostgefährdeten Lagen ohne schützende Schneedecke. Etablierte Bestände sind später deutlich robuster.

Wer es trotzdem versuchen wollte, müsste von der wärmeliebenden Standardsorte abrücken: Die kältetolerantere Eltern-Art Miscanthus sinensis kommt mit kürzeren Sommern besser zurecht, bleibt aber niedriger (etwa 1,5 bis 2,5 Meter) und liefert weniger. Genau an den geringeren Erträgen sind frühere kältetolerante Sorten in der Praxis gescheitert.

Als Faustregeln für einen Versuch gelten: pflanzen erst, wenn sich der Boden auf rund zehn Grad erwärmt hat, abgetrocknet ist und keine Spätfröste mehr drohen (im Gebirge eher Mitte bis Ende Mai als im April); die Rhizome etwa zehn bis fünfzehn Zentimeter tief setzen; und im ersten Jahr das Unkraut konsequent kurz halten.

Warum das Gras trotzdem kaum jemand anbaut

Bleibt die eigentliche Merkwürdigkeit: Wenn Miscanthus so vielseitig ist, warum sieht man es so selten? In Frankreich, dem europäischen Vorreiter mit rund 11.500 Hektar, macht es laut DW-Beitrag nur etwa 0,04 Prozent der Agrarfläche aus. In Deutschland sind es ungefähr 4.500 Hektar.

Der Bonner Forscher Ralf Pude vermutet im Film den Grund in der Marktstruktur: Wer Miscanthus einmal pflanzt, braucht danach weder jährlich neues Saatgut noch nennenswert Dünger. Damit fehle eine Industrie, die laufend daran verdient – und damit auch die Lobby, die für die Pflanze trommelt.

Fazit

Miscanthus ist kein Wundermittel, aber ein bemerkenswert genügsames Mehrzweck-Gras – für Brennstoff, Baustoff und Bodenschutz zugleich. Sein Anbau ist allerdings an Wärme und damit an die Höhe gebunden: Im Flach- und Hügelland ist er erprobt, oberhalb von etwa 700 Metern wird er schwierig, und auf 1.400 Metern bleibt er bislang ungetestetes Neuland.

Quellen