KI übernimmt viel. Vom Developer zum Produktmanager.

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Ich habe seit anderthalb Jahren nicht mehr richtig gecoded. Ich schaue mir den Code nicht einmal mehr an. Ich bespreche Pläne mit der KI, lasse sie untereinander kommunizieren — Claude mit Codex — und teste das Ergebnis als User. Wenn etwas nicht stimmt, merke ich das beim Benutzen der Software, nicht beim Lesen des Codes.

Das klingt vielleicht nach einer Beichte. Ist es aber nicht. Es ist eine Beobachtung. Und ich bin bei Weitem nicht der Einzige, der das so sieht.

Die Stimmen werden lauter

Andrej Karpathy, Gründungsmitglied von OpenAI und ehemaliger Leiter der KI-Abteilung bei Tesla, hat Anfang 2025 den Begriff "Vibe Coding" geprägt — programmieren, indem man der KI sagt was man will und den Code vergisst. Nur ein Jahr später spricht die Branche bereits von "Agentic Engineering": Developer werden zu technischen Supervisors, die autonome KI-Agenten orchestrieren. Die schreiben, testen und deployen den Code.

Jensen Huang, CEO von NVIDIA, bringt es auf den Punkt: "The new programming language is called human." Seine Botschaft? Domain-Expertise wird wichtiger als die Fähigkeit zu programmieren. Ob Biologie, Landwirtschaft oder Bildung — wer sein Fachgebiet beherrscht und KI als Werkzeug nutzt, hat den größeren Hebel als jemand der nur Code schreiben kann.

Sam Altman von OpenAI beschreibt, wie ein einzelner Developer mit KI-Tools bald leisten kann, wofür heute ein ganzes Team nötig ist. Er betont, wie rasant sich Software-Entwicklung verändert — die Produktivitätssprünge zwischen 2025 und 2026 seien enorm. Und Pieter Levels beweist es in der Praxis — ein Solo-Developer, der mit KI-Tools mehrere Millionen Dollar im Jahr umsetzt. Seinen Flugsimulator fly.pieter.com hat er in nur 3 Stunden mit KI gebaut. Im Peak hat das Spiel 75.000 bis 100.000 Dollar im Monat eingespielt.

Meine eigene Erfahrung

Ich bin ehrlich: Ich bin Hobby-Coder. Noch. Aber meine Projekte gehen in die Zigtausende Lines of Code. Ich habe seit anderthalb Jahren nicht mehr richtig selbst programmiert. Ich habe viel verlernt. Aber genau das ist der Punkt — es spielt eine immer kleinere Rolle. Was zählt ist: Weiß ich, was gebaut werden soll? Erkenne ich, wenn die KI Blödsinn macht? Kann ich die Qualität beurteilen?

Die KI übernimmt das Developen. Den Plan macht sie auch schon größtenteils. Bei der Ideengenerierung ist sie noch vage — da ist der Mensch noch klar im Vorteil. Aber die Richtung ist eindeutig: Immer mehr Coding-Arbeit verschwindet in die Hände von KI-Agenten.

Was bleibt, ist Produktdenken. Die richtigen Fragen stellen. Entscheiden was gebaut wird und was nicht. Verstehen was der User braucht. Das ist Produktmanagement — nicht im Corporate-Sinn mit Jira-Tickets und Roadmap-Meetings, sondern im eigentlichen Sinn: Das richtige Produkt bauen.

Sollte man noch Coden lernen?

Ja. Aber nicht aus dem Grund, den die meisten denken. Man lernt nicht mehr Coden, um Code zu schreiben. Man lernt es, um zu verstehen wie Software funktioniert. Um zu erkennen, wenn die KI einen Fehler macht. Um beim Planen mit der KI die richtigen Fragen zu stellen.

Wer blind vertraut, wird blind fehlgeleitet. Ich sehe die Fehler der KI nicht im Code — ich sehe sie, wenn ich die Software benutze oder wenn ich mit der KI den Plan bespreche. Dieses Urteilsvermögen kommt nicht aus dem Nichts. Es kommt daher, dass man zumindest mal verstanden hat, wie die Dinge unter der Haube funktionieren.

Gibt es den "Developer" in fünf Jahren noch?

Ich frage mich ehrlich, ob es den Begriff so noch geben wird. Und wenn, dann mit einer ganz anderen Bedeutung. Vielleicht wird "Developer" das, was "Webmaster" war — ein Relikt aus einer Zeit, in der Menschen die Arbeit gemacht haben, die jetzt Maschinen erledigen.

Die neue Rolle ist: Denker, Entscheider, Qualitätsprüfer. Jemand der weiß, was gebaut werden soll und erkennt, ob es gut gebaut wurde. Weniger Handwerker, mehr Architekt. Weniger Coden, mehr Urteilsvermögen.

Die KI übernimmt viel. Und das ist okay. Solange wir nicht vergessen, dass "übernehmen" nicht "verstehen" bedeutet.

Quellen