Das ORF-Spezial „Südtirol heute" vom 31. Mai 2026 hat sich angeschaut, wie und wo in Südtirol heute gefeiert wird – von der Lederhosenparty über den klassischen Club bis zum Pop-up-Event und zum alternativen Tagesfestival. Das Ergebnis in einem Satz: Es wird weiter getanzt, nur anders.
Ich gehöre selbst nicht mehr zum Publikum, über das die Reportage spricht. Auf solche Veranstaltungen gehe ich schlicht nicht mehr. Früher war das anders – da waren es die lokalen Bars und Gasthäuser und dann die Discos, allen voran das Derby in Sterzing. Umso interessanter, von außen zu sehen, was sich seither verschoben hat.
Die Diskothek verliert ihre Selbstverständlichkeit
Der Befund der Reportage ist eindeutig: Die klassische Disco stirbt. In Europa sind laut dem Beitrag in den vergangenen zehn Jahren über 30 Prozent der Clubs verschwunden, in Deutschland fast die Hälfte, in Italien rund ein Viertel – dafür gibt es inzwischen sogar ein eigenes Wort, das Clubsterben. Auch in Südtirol stehen viele Türen für immer zu: Fix, Schnalserhof, Traindler, Juwel, La Perla, Exclusive – alle geschlossen. Manche Dörfer haben gar keine Disco mehr.
Eine der wenigen Ausnahmen ist der Club Max in Brixen, einer der wenigen großen Clubs, die noch offen sind. Betreiber Felix Taschler – zugleich Vorsitzender der HGV-Fachgruppe Diskotheken – beobachtet seit Jahren sinkende und vor allem unregelmäßigere Besucherzahlen: Viele kommen statt regelmäßig nur noch einmal im Monat, trinken weniger und wollen am nächsten Tag wieder fit sein. Eine Ö3-Jugendstudie passt ins Bild: 77 Prozent der 16- bis 25-Jährigen glauben, dass Discos und Clubs an Bedeutung verlieren.
Gen Z feiert anders – nicht weniger
Die junge Generation feiert nicht im festen Haus, sondern punktuell: WG- und Hauspartys im „geschützten Raum", Outdoor- und Pop-up-Events, beworben über Social Media, mit DJs, die sonst nur in Großstädten auflegen. Junge Crews machen aus einem Parkplatz, einem Garten oder einer Halle ein Event – mit gutem Sound, Lichtshow und viel Liebe zum Detail. Wichtig dabei: Es geht nicht mehr tief in die Nacht, weil man am Sonntag noch etwas vorhat.
Gleichzeitig wird deutlich weniger getrunken. DJ und Veranstalter Matthias Pixner aus Klobenstein spricht von „kaum mehr einem Getränk pro Besucher" – gut für die Gesundheit, schwierig für ein Lokal, das davon lebt. Dass weniger gesoffen wird, ist freilich nicht überall so: Auf den Dorffesten am Land, das zeigt die Reportage selbst, fließt der Alkohol weiterhin reichlich.
Corona, Handy und verschwundene Subkulturen
Zwei Dinge haben den Wandel beschleunigt. Erstens Corona: Eine ganze Kohorte habe das Ausgehen schlicht nicht „erlernt", der Reiz und Nervenkitzel seien nie entstanden. Zweitens Social Media: Subkulturen wie Skater, Punker, Raver oder Gabber sind verschwunden; statt zu reden, zeigt man sich gegenseitig Reels am Handy. „Ein bisschen langweiliger geworden", sagt einer im Beitrag.
Drei Antworten auf dieselbe Frage
Die Reportage zeigt drei Formate, die das Vakuum füllen:
- Pop-up-Events – professionell, kreativ, im Freien, von jungen Leuten mit Herzblut organisiert.
- Traditionelle Feste – Feuerwehrfest, Kirchtag, Lederhosenball, vor allem auf dem Land. Hier zählen Vertrautheit, Tracht, Walzer und Boarischer – und man kann tatsächlich miteinander tanzen, nicht nur nebeneinander. (Tanzen wäre auch für mich der Reiz – nur müsste ich es erst wieder lernen.)
- Tagesfestivals – etwa in der Basis Vinschgau in Schlanders, wo schon mittags mit Live-Musik, Workshops und Foodtrucks gefeiert wird. Weniger Partyraum, mehr sozialer Treffpunkt – ein „Third Place". Hannes Götsch von der Basis nennt das „gemeinschaftlich gestaltete öffentliche Räume".
Die Bremse: Bürokratie
Ideen gibt es viele, aber junge Veranstalter klagen über Lizenzen, Auflagen und Gemeinden, die Konzepte schnell wieder platzen lassen. Oft werde von Gemeindeseite „etwas vorgeschoben", und es werde schwierig, etwas Cooles auf die Beine zu stellen. Dass der Verwaltungsapparat nicht schlanker geworden ist, dürfte – wie so oft – ein guter Teil der Erklärung sein.
Fazit
Das Ausgehen verschiebt sich von festen Räumen hin zu einzelnen, besonderen Momenten: weniger fix, weniger regelmäßig, stärker an Stimmung und Freunden orientiert. Der Wunsch zu feiern ist ungebrochen – nur die Orte und die Regelmäßigkeit haben sich verändert. Oder, wie es die Reportage zusammenfasst: Die Nacht findet immer einen neuen Platz.
Quellen
- ORF Südtirol – „So verändert sich das Nachtleben", Südtirol heute Spezial vom 31.05.2026: suedtirol.orf.at · Video auf YouTube
- Ö3-Jugendstudie 2026 (ORF)
- Club- und Diskothekensterben (Wikipedia)