Jeder nach seiner Fasson — aber bitte nicht SO

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Am 22. Juni 1740, drei Wochen nach seinem Amtsantritt, lag dem 28-jährigen Friedrich II. ein Bericht des Geistlichen Departements vor. Es ging um katholische Bürger, die in einer protestantischen Stadt eine Schule errichten wollten. Sein Minister von Brand hatte Bedenken. Friedrich kritzelte an den Rand:

"Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden und Mus der Fiscal nuhr das auge darauf haben, das keine der andern abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach seiner Fasson Selich werden."

286 Jahre später ist daran zweierlei bemerkenswert. Erstens: Der Staat ist hier nur noch Schiedsrichter ("Fiscal"), nicht Glaubenswächter — 47 Jahre vor der US-Verfassung, 49 Jahre vor der Französischen Revolution. Zweitens, und das ist heute wichtiger: Friedrichs Motiv war nicht Humanismus, sondern Peuplierungspolitik. Er brauchte Steuerzahler, Handwerker, Soldaten — egal welcher Konfession. Toleranz war Staatsraison.

Friedrich war kein moderner Liberaler. Sein Generalprivilegium für Juden von 1750 war restriktiv, seine privaten Äußerungen über Katholiken oft abfällig. Aber genau deshalb taugt der Satz heute: Er funktioniert nicht, weil er moralisch ist, sondern weil er pragmatisch ist. Und das ist die stabilere Basis.

Offiziell sind wir 2026 natürlich alle für Vielfalt. Selbstbestimmung! Lebe und lasse leben! Steht in jedem Sonntagsrede-Manuskript, jedem Unternehmensleitbild, jedem Wahlprogramm.

Es gibt dieses Meme, das genau das auf den Punkt bringt:

Gesellschaft: Sei du selbst. Gesellschaft (nächste Folie): Nein, nicht so.

Genau das ist das Problem. Die Toleranz ist immer eine Toleranz mit Sternchen. Ein Fussnotenverzeichnis von Ausnahmen, das mit jedem Jahr länger wird.

Du isst Fleisch? Mörder. Du isst kein Fleisch? Ideologe. Du willst Kinder? Egoistisch in Zeiten des Klimawandels. Du willst keine Kinder? Egoistisch in Zeiten des Geburtenrückgangs. Du arbeitest viel? Hustle-Culture-Opfer. Du arbeitest wenig? Faule Generation. Du fliegst in den Urlaub? Klimasünder. Du fliegst nicht? Privilegierter Verzichtsprediger. Du glaubst an Gott? Mittelalter. Du glaubst nicht an Gott? Seelenlos.

Egal welche Fasson du wählst — irgendjemand findet, dass es die falsche ist. Und das nicht stillschweigend, sondern laut, missionarisch, oft empört.

Friedrich war 1740 weiter als wir heute. Er hat akzeptiert — aus welchen Motiven auch immer — dass er als König nicht entscheiden kann, was im Kopf eines anderen vorgeht. Wir tun so, als hätten wir das auch akzeptiert. Aber sobald jemand wirklich nach seiner Fasson lebt, fängt das Ungemach an.

Vielleicht ist das die ehrlichste Selbstprüfung: Nicht ob ich offiziell für Toleranz bin (sind alle), sondern ob ich auch dann ruhig bleibe, wenn der Nachbar etwas tut, was ich für falsch halte — solange er niemandem schadet. Da scheitern die meisten von uns. Mich eingeschlossen.

"Jeder nach seiner Fasson" ist kein bequemer Satz. Er bedeutet, dass ich aushalten muss, dass andere anders sind als ich es richtig finde. Und genau das ist es, was Vielfalt eigentlich bedeutet — nicht dass alle so leben, wie ich es für richtig halte. Friedrich hat das verstanden, weil es ihm nützte. Uns nützt es auch — wir müssen uns nur trauen, das zuzugeben.

Quellen